Mein kleiner Garten ist schon immer meine Glücksoase – um so mehr, seit ich angefangen habe, dort ganzjährig Vögel zu füttern.

Damals wohnte ich bereits seit einigen Jahren dort und hatte dort trotz einer naturnahen Bepflanzung mit Wildblumen, Kräutern und historischen Rosen nur ab und zu einigen Amseln, ganz selten ein Rotkehlchen, zu Gesicht bekommen. An dem Tag, als ich mich entschloss, einen Futterbehälter mit Meisenknödeln ins Gebüsch zu hängen, saß eines am Zaun und begrüßte mich mit seinem Gesang – ein gutes Omen.

Innerhalb nur weniger Tage wurden die Knödel von Kohl- und Blaumeisen belagert. Es dauerte nicht lange, bis sich neue Arten dazugesellten. Nach nur zwei Jahren hatte ich neunzehn verschiedene Vogelarten in meinem Garten gesichtet, darunter Zaunkönige, Baumläufer oder die farbenprächtigen Stieglitze.

Jede Begegnung ist ein Geschenk

Plätschernde Geräusche, die durch das offene Fenster in die Wohnung dringen, lösen bei mir spontane Glücksgefühle aus. Ich muss gar nicht hinsehen, um zu wissen, dass sich die Vögel gerade ein Bad in der Vogeltränke gönnen. Kein Haustier hat bei mir jemals solche Emotionen ausgelöst, wie das muntere Treiben der aufgeweckten kleinen Wildtiere, die sich in meinem Garten tummeln. Gerade deshalb, weil sie eben nicht von mir abhängig sind und sich völlig freiwillig in meine Nähe begeben. Jedes Näherkommen ist ein Geschenk: Wenn die Blaumeisen die Tomatenkübel auf meiner Terrasse nach Blattläusen absuchen, als wollten sie sich für die Zuflucht bedanken. Wenn das Rotkehlchen bei der Gartenarbeit in meinem Windschatten hinter mir her hoppelt, in der Hoffnung auf frisch freigelegte Larven und Würmchen. Wenn ich Singvögel, die ich sonst nur aus Büchern oder weiter Ferne zu Gesicht bekäme, aus nächster Nähe bei der Partnersuche, dem Füttern und Erziehen ihrer Jungen oder bei akrobatischen Flugkunststücken beobachten darf.

„Mein“ Rotkehlchen ist nicht irgendein Rotkehlchen

Vögel sind für mich nicht mehr nur eine Gattung, über die ich etwas in Büchern lese oder einer Dokumentation sehe. Auch wenn ich noch nicht soweit bin, einzelne Individuen optisch von den anderen zu unterscheiden, erkenne ich einzelne Vögel an ihrem Verhalten. Etwa das Amselmännchen, das ich wegen seiner besonderen Flugfertigkeit „Akrobaten-Amsel“ getauft habe. Oder das Rotkehlchen, das ich dieses Jahr bei der Werbung um ein Weibchen und anschließend bei der Fütterung eines Jungen beobachtet habe.

Mit der Zuneigung kommt aber auch die Sorge. Wenn sich längere Zeit kein Specht mehr am Futterblock blicken lässt, frage ich mich natürlich, ob ihm vielleicht etwas zugestoßen ist. Hat ihn eine der vielen Hauskatzen erwischt, gegen die ich meinen Garten mit schwankendem Erfolg abzuschirmen versuche? Vor einigen Wochen sah ich zu meinem Schrecken eine Katze im Gebüsch vor meinem Fenster lauern – nur wenige Meter neben der Stelle, wo ich das Gelege des Rotkehlchens vermutete, das ich kurz zuvor mit seinem Jungen beobachtet hatte. Danach habe ich beide Vögelchen nicht mehr gesehen.

Früher ärgerte ich mich über die „bösen Katzen“. Seit ich mich näher mit dem Thema befasst habe und weiß, welche Eigenschaften Katzen im Zuge ihrer Domestizierung an- bzw. weggezüchtet wurden, hat sich mein Zorn auf die Halter*innen verlagert. Auch die Hauskatzen selbst sind Opfer einer verfehlten Zucht, unter der sie leiden. Die „Tierliebe“ vieler Halter*innen steht in denselben Verhältnis zu echter Tierliebe wie das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom zu Mutterliebe. Wer die im Netz kursierenden Katzenvideos mit kostümierten oder anderweitig als lebendes Spielzeug missbrauchten Haustiere kennt, weiß, wovon ich rede.

Vor ein paar Tagen habe ich wieder ein Rotkehlchen in meinem Garten gesehen. Ob es ein anderes oder das selbe ist, kann ich nicht sagen. Ich hoffe mal, das es das Junge geschafft hat.

Kauzenfan

 

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