In einer kaputten Gesellschaft kann es keine intakte Natur geben. Sibylle Berg zeigt dies in ihrem genialen gesellschafskritischen und damit zwangsläufig patriarchatskritischen Roman GRM. Doch zunächst zum Inhalt:

Vier Jugendliche wachsen in Rochdale als Außenseiter in einer Gesellschaft auf, in der es für sie keinen Platz mehr gibt. Gemeinsam gehen sie nach London in der Hoffnung auf eine Zukunft. Als sie eine leere Fabrikhalle entdecken, haben sie ein Zuhause und eine Basis für ein Leben und Überleben außerhalb des Systems.

Anhand dieser Rahmenhandlung entwirft Sibylle Berg ein ungeschöntes Bild unserer Gesellschaft und des Zustands der Welt. In ständig wechselnder Perspektive werden auch aus der Sicht vieler Nebenfiguren der Neoliberalismus, das Patriarchat mit seinen logischen Folgen Femizid, Vergewaltigung, Zwangsprostitution und Mißbrauch, die immer autokratischer werdende Gesellschaft, der Überwachungs- und Polizeistaat, die Digitalisierung, die Automatisierung der Arbeit, die Xenophobie, usw. beleuchtet. Durch schonungslose Darlegung der Folgen wird ihre Zerstörungskraft aufgezeigt und angeklagt.

In kongenialer abgehackter Sprache mit vielen verkürzten Sätzen werden selbst vergleichsweise Nebensächlichkeiten kurz und knackig abgehandelt und messerscharf analysiert wie zB „Die Touristen sehen die Welt als Handymotiv. Also nicht.“

Der Übergang von der genau recherchierten Gegenwart in die schlüssig und konsequent weitergedachte Zukunft ist schleichend. Und gerade dadurch, daß dies im Roman nicht genau voneinander abzugrenzen ist, zeigt Frau Berg auf geniale Art und Weise, wie apokalyptisch die Gegenwart bereits ist, zumindest für einen Großteil der Bevölkerung.

In einer kaputten Gesellschaft kann es keine intakte Natur geben. Und so denkt Sibylle Berg auch die gegenwärtige Entwicklung der Natur konsequent weiter: es ist dauerhaft grau und feucht, grüne Landschaften gibt es nur noch im TV, alles ist entweder überbaut oder mit Schlamm überzogen, jede Ecke „benutzt und weggeworfen“, die Flüsse sind Kloaken, der Meeresspiegel steigt, Bangladesh ist bereits überschwemmt, alle Vögel sind ausgestorben, Tiere „… sind zu Nutzgegenständen gemacht worden. Zur Belustigung oder zum Fressen. Was dazu nicht taugt, wird ausgerottet.“

Ist das wirklich ein Blick in die Zukunft? Für die meisten sind doch schon lange nur Haustiere (also zur Belustigung) oder Schweine etc. (also zum Fressen) relevant, während z.B. Wölfe dringend abgeschossen werden „müssen“ (so Frau Nestlé geb. Klöckner am 14.8.21). Wir haben nur noch nicht alle Wildtiere ausgerottet, sind aber auf dem Weg dahin.

Dieser Roman ist ein Meisterwerk, das im deutschen Sprachraum seinesgleichen sucht. Er ist nicht dystopisch, sondern zeigt schonungslos, wo wir hinsteuern, wenn wir so weitermachen wie bisher. Doch es ist nie zu spät, etwas zu ändern. Spätestens bei der Wahl im September haben wir eine Chance dazu.

Wer wie Denis Scheck das Buch für zu düster und negativ, also wohl fälschlicherweise für eine Dystopie hält, lebt in einer Blase und verkennt den wirklichen Zustand unserer Welt. Oder er fühlt sich als Mann angegriffen.

Noch ein Gedanke zum Schluß: Warum werden eigentlich in Weimar immer noch die vermeintlichen großen Drei, also Goethe, Schiller und Herder gefeiert? Diese nicht mehr zeitgemäße Heldenverehrung von lediglich Zugezogenen verstehe ich nicht, erst recht nicht, wo es doch mit Sibylle Berg eine echte Weimarerin von Weltrang gibt. Warum nur wird sie in Weimar völlig ignoriert? Nun, wohl aus dem gleichen Grund, aus dem auch das Bauhaus in Weimar selbst eher geringgeschätzt wird. Eine ausführliche Erklärung liefert die Autorin selbst in ihrem ebenfalls großartigen Buch „Wunderbare Jahre“.

Ekkehard Mantel

Kiepenheuer & Witsch; 2. Auflage 2019
ISBN-13: 978-3462051438

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